Macht der Anfang Freude?

Vom Entdecken der Bedürfnisse im Körper

„Wie gehe ich mit Umbrüchen um?“ So hieß der Podcast von Working Women, in dem die Juristin und Transition-Coachin Afia Atta-Agyemang interviewt wurde.

Ich dachte sofort: Umbruch, Übergangssituationen, das war auch die Überschrift der letzten 25 Jahre für mich. Komfortzonen gab es kaum. Am Anfang auch kein Netz an Menschen, die mich unterstützten. Hart erkämpfte Freizeiten brachten nicht die Erholung, die ich gebraucht hätte. Da war immer wieder die Frage, wozu soll das gut sein? Wie komme ich da am schnellsten wieder heraus?

Zwei Kinder alleine ins Leben zu bringen, einen Beruf zu haben als Selbständige, eine Praxis aufbauen, eine Mutter, die aus kriegsbedingten Verletzungen 27 Jahre der Pflege bedurfte, und das Trauma aus einer heftigen Scheidung im Lebensrucksack haben mir ein ausgiebiges Programm beschert, das schwer zu bewältigen war. Der Körper hat oft einfach verweigert. Das mit dem „Verdauen“ war eine schwierige Sache, der Schlaf wollte sich einfach nicht einstellen und die Angst saß mir ständig im Nacken. Kann ich das alles schaffen? Dass der Köper mit alldem ein Zeichen setzte, dass es Veränderung brauchte, dass war mir damals noch nicht bewusst.

Das Columbus-Gen im Gepäck hat mich immer wieder aufbrechen lassen. Wie geht sich das aus, wie schaffe ich meine Ziele? Selbstliebe, Empowerment, Care Arbeit, positive Körperbilder, die biographische Prägung alles nette Begriffe, die da hereintrudelten. Doch bei dem Druck, den ich hatte, zählte alleine, wie komme ich durch den Alltag, um diese Last an Aufgaben zu tragen, zu koordinieren, und dem Körper eine Chance zu geben da irgendwie mitzumachen.

Der Anfang des Körperdenkens kam mit dem Tanzen. Authentic Movement und Contact Improvisation brachten mich in Kontakt mit einer Bewegung, bei der kein Sport mithalten konnte. Dort konnte ich mich auspowern und meine Seele einbringen, all das unendlich Schwere in der Bewegung ausdrücken. Ich bewegte mich im flow, tobte mit herrlicher Dynamik, lernte meine Stimme einzusetzen und ich entdeckte, dass es auch sanft ging. Mein Temperament zeigte sich als Übermut, wild entschlossen gradlinig und unverblümt. Doch im Ausdruckstanz blühte das Zarte und das Vertrautwerden mit dem Körper, der so sensibel war und auf den kleinsten Move reagierte. Die Belohnung war gute Laune, ein Lächeln in meinem Gesicht, trotz allem. So begann diese Liebegeschichte, und zu sehen, wozu mein Körper gut war.

Diese Art der Wahrnehmung, mit dem Körper vertraut zu werden, entstanden aus großer Not, ist mir heute noch dienlich. Nicht nur in meinem Beruf als Integrative Bewegungstherapeutin. Nein ! Ob es die Aufrichtung ist, die Beweglichkeit und ja, mein Seelenleben. Mein Körper ist Orientierung und Lebenshilfe, weil er Grenzen setzt, weil er mich spüren lässt, was grad los ist. Das macht mich fähig einen Schritt zu tun, auch wenn rundum Angst und Depression herrschen. Das sind oft sehr kleine Schritte. Aber ich bewege mich. Die Richtung stimmt. Das zu wissen tut gut.

Auf den Körper zu hören, ist wie ein Leitfaden, der uns in Verbindung mit uns selber bringt und so den inner path sichtbar macht, den jede, jeder in sich trägt. Menschen, die sich diesem inneren Weg anvertrauen, die sich in das eigene Wesen fallen lassen, die können vertrauen, dass ihnen das Leben trotz allem das Richtige schickt, damit es ein gutes Leben werden kann. Die Energie folgt der Aufmerksamkeit, hat schon mein Qigong Lehrer damals gesagt. Ich bin diesen Weg gegangen, bis heute. Es hat sich bewährt.

Mein Alter, die 68 Jahre voll gelebten Lebens trotz allem, machen sich bemerkbar. Ich kann nicht gut mit Komfortzonen. Herausforderungen sind mir lieber. Doch der Körper gibt Anweisung und heute weiß ich, dass ich jeden Morgen gut hinhöre, was braucht der Körper, was braucht die Seele damit der Tag gut wird? Da war so viel Finsteres, so viel Angst, Frausein ist kein Honiglecken, und trotzdem haben Rebellion, Zorn und Entschlossenheit immer wieder der Freude einen Platz eingeräumt, damit die Bedürfnisse ihren Platz bekamen. Ihre speziellen Bedürfnisse sind immens wichtig, wenn das Leben gut werden soll! Sie brauchen einen fixen Platz im Alltag. Michele Obama sagt: Plan your joy !

The body tells. Das ist die Botschaft, die ich hier weitergeben möchte. Ein schönes Leben? Ein gefühltes Leben ist ein gelebtes Leben! Die Lebensfreude ist das Elixier. Trotz allem. Sogar die winzigen gefühlten Momente, wenn die Dissoziation dich wegtragen will und du weißt, die Seele braucht wieder eine Motivation, dass sie sich zurück traut.

Denn die Seele macht sich über den Körper bemerkbar mit Bedürfnissen. Ich arbeitete viel als Alleinerzieherin, Freizeit war ein Luxus. In der Früh eine Runde nüchtern gehen am Feld hinterm Haus, ja. Die aufsteigende Kraft des Morgens spüren. Den Körper wahrnehmen im Gehen, und bevor der oft überfordernde Tag hereinbrach, noch einmal atmen, durchatmen, sich anfüllen. Freuen?

Dann genervt die Frage: Was braucht der Tag, dass er gut wird? Wo ist die Freude heute? Ist es in diesen dichten Zeiten wirklich notwendig über Bedürfnisse nachzudenken? Ich bin aufständisch und effizient. Es ist doch so viel zu tun! Doch kaum setzte ich aus mit den kleinen feinen Zeiten, da klopfte ganz unverschämt die Depression an. Das kostete Kraft im Körper! Ja, es ist notwendig regelmäßig zu prüfen, wie es um die eigenen Bedürfnisse steht!! Sie wollen doch ein gutes Leben.

Der Morgen ist entscheidend. Wie geht es mir heute? Das wusste schon meine Mutter, die auf ihr Morgenritual beharrte. Aber was sie nicht hatte, was in ihrer Zeit nicht üblich war, ein Recht auf sich selber zu haben als Frau. Sie war froh, dass sie genug zum Essen hatte, ein Dach über dem Kopf und dass es ihren Kindern gut ging. Für sich wollte sie nichts. Aber das Morgenritual war unumgänglich. Rhythmus! Sagte sie mit leuchtenden Augen. Erst mit 85 erkannte sie an ihren „emanzipierten“ Töchtern, dass es einen Anspruch auf sich selber gab. Das Recht als Frau auf sich selber ! Ja ! Aber nehmen sich die Frauen in einem crazy Alltag wirklich dieses Recht heraus? In der Praxis sehe ich immer wieder, dass dem nicht so ist.

So hier meine Morgenempfehlung

Was braucht der Tag, dass er gut wird?
Was sagt der Körper? Und die Seele?

Müdigkeit? Schmerzen? Körperlich, seelisch? Die Aufrichtung? Was sagen die Zeichen? Legen Sie eine Hand auf das Brustbein, die andere auf den Bauch. Geben Sie sich kurz Zeit hinzuspüren. Können sie die Atembewegung unter ihren Händen spüren. Was beobachten Sie? Weit? Eng? Leicht? Schwer? Oder etwas anderes?

Wenn Sie nichts spüren, dann bleiben Sie dran! Manchmal braucht es Zeit, um mit sich in Kontakt zu kommen!

Welche Aufgaben warten? Prioritäten? Kontakte zu Mitmenschen? Welches Gefühl macht das im Körper? Wo spüren Sie das?

Wo ist für Sie die Freude heute drin? Oder kommt sie gar nicht vor? Die Freuden im Alltag, haben Sie einen Blick dafür? Scheint heute die Sonne? Wie schmeckt der Kaffee? Was macht die Jahreszeit gerade draußen?

Spüren Sie die Qualitäten in ihrem Körper!

Wenn das Herz vor Freude hüpft.

Fröhlichkeit luftig schwingt.

Wenn die Schwere einer Entscheidung sich am Rücken anhängt und die Schultern nach vorne ziehen.

Bleierne Müdigkeit, die alle Zellen in slow motion versetzt und frau das Gefühl gibt, nichts geht weiter.

Wenn es am Brustbein eng wird, weil ein Virus alle Regeln außer Kraft setzt.

Wenn sich die Arme beim Dehnen genussvoll der Weite des eigenen Raumes bewusstwerden.

Wenn einem etwas im Magen liegt, das nicht und nicht gut werden will.

Wenn die Hoffnung mit unvermuteter Leichtigkeit im Herzen aufblüht.

Welche Haltung würden Sie einnehmen, wenn Sie daran denken, wie es ihnen gerade geht? Breiten Sie die Arme aus, sagen sie ja zum Leben? Oder möchten Sie lieber unter die Decke, nichts hören und nichts sehen? Zwischen diesen Optionen gibt es einige Möglichkeiten.

Das alles sind Zeichen über unseren Istbestand. Verurteilen Sie sich nicht! Auch wenn da gerade viel Ärger im Raum steht.

Der Körper setzt Zeichen, und zeigt uns, was wir brauchen oder wo wir es ziemlich gut machen. Was braucht es mehr? Was braucht es weniger?

Ein Leben in dem Körper und Seele Raum bekommen, Aufmerksamkeit und Zuwendung, kann ein gutes Leben werden, weil wir uns selber auf der Spur sind.

„Liebe dich selber“ heißt es so oft, als ob frau einfach so den Schalter umlegen könnte. Liebe braucht Zeit und Geduld. Doch die eigenen Bedürfnisse zu entdecken, im Auge zu behalten, sie zu einem Fixpunkt im Alltag zu machen, ist ein Abenteuer, dass so richtig Spaß machen kann.

Macht der Anfang Freude? Ich stelle mich gerade auf ein neues Leben ein. Ich passe gut auf, dass die Freude vorkommt. I promise myself every day.

Hier der Link zum Thema Umbrüche:
https://soundcloud.com/wirarbeitendran/37-wie-lerne-ich-mit-umbruchen-umzugehen-afia-atta-agyemang

Herzlichst,

@ Christine Forsthuber

Posted in Allgemein

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